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Häusliche Gewalt ! Warum hilft denn niemand?

Drucken 12.02.2010, 10:43 Uhr, Psyche und Seelsorge
Während der Jahre in der Gewaltbeziehung habe ich mich oft verzweifelt gefragt
- warum hilft mir denn niemand
- sieht denn keiner wie schlecht es mir geht
- sind denn alle um mich rum blind?

Heute mit ganz viel Abstand, viele Therapiestunden später finde ich natürlich Antworten darauf. Ich musste erkennen das es mich viele Jahre gar nicht gab. Mein Umfeld sah nur eine Maske, diese signalisierte nur „Alles Okay“.

Sie werden sich jetzt sicher fragen, warum hat sie dies getan, warum hat sie sich versteckt? Ich gebe Ihnen gerne die Antwort. Ich weiß es nicht. Sicher war es zu einem großen Teil Scham, Scham das ich dies mit mir geschehen ließ. Scham das ich eine so schlechte Ehefrau war.

Der Hauptgrund liegt aber ganz sicher im falschen denken. Was sollen die anderen denn denken? Die werden doch über uns reden. Nach außen müssen wir eine intakte Familie präsentieren. Als Betroffener wächst man diese Rolle hinein. Man stumpft ab, realisiert die eigenen Gefühle nicht mehr. Die Schuld sucht man nicht beim Täter sondern bei sich. Ich signalisierte überall, alles in Ordnung. Uns geht es gut. Die Alkoholexzesse meines Mannes deklarierte ich als Ausnahmen. Mein erfolgloser Fluchtversuch trug auch nicht dazu bei die Maske fallen zu lassen. Die wenigen Tage unserer Abwesenheit erklärte ich mit einem wichtigen Verwandtenbesuch. Danach spielte ich weiterhin viele Jahre Theater, legte meine Maske gar nicht mehr ab. Die Übergriffe empfand ich gar nicht mehr als solche, denn ich hatte gelernt meinen Körper zu verlassen. Das war nicht ich an der er sich verging, sondern nur eine Hülle. Er konnte mich nicht mehr verletzen, denn ich war ja weit weg. Den endgültigen Ausbruch schaffte ich nur, weil ich selber kurz davor stand Gewalt an zu wenden. Der letzte Übergriff meines Peinigers war so massiv, das ich spontan zu einem großen Küchenmesser griff und ihn damit bedrohte. Nur der Gedanke, was geschieht mit den Kindern ließ mich davor zurück schrecken zur Mörderin zu werden.

Laut Statistik ist jede vierte Frau in Ihren Beziehungen schon mit häuslicher Gewalt konfrontiert worden. Da in Deutschland über 42 Millionen Frauen leben, sind dies über zehn Millionen Frauen die diese Erfahrungen machen oder gemacht haben. Was wird aus diesen Frauen? Haben sie die Chance auf ein normales Leben?

1998 bin ich aus dieser Beziehung geflohen. Jetzt haben wir 2010, und mein Leben ist auch heute noch nicht normal. Noch immer leide ich unter Depressionen, eine Folge der Posttraumatischen Belastungsstörung. Zwar seltener, doch immer noch wache ich nachts schreiend auf, weil meine Träume mich zurück führen. Ich die Gewalt wieder und wieder erlebe. Ich leide unter einer sozialen Phobie, nur ganz wenige Menschen stehen mir nah. Vertrauen fällt schwer ist zum Teil unmöglich. Alles Gründe warum ich jetzt die Rente beantragt habe. Einen ganz normalen Berufsalltag stehe ich nicht mehr durch.

Erschwerend kommt hinzu das man keine Hilfen bekommt. Es wäre so wichtig schnell psychologische Hilfe zu bekommen. Doch Therapeuten sind rar, die Wartelisten endlos lang. Wartezeiten bis zu zwei Jahren keine Seltenheit. Viele Therapeuten trauen sich zudem nicht an dieses Thema ran, lehnen eine Behandlung aus diesem Grund ab. Psychiater greifen zu Antidepressiva, ich weiß nicht ob sie denken die Pillen lassen einen alles vergessen. Man fühlt sich allein, erneut verraten und im Stich gelassen. Was Depressionen wider rum verstärkt und man steht häufig an dem Punkt, wozu dies alles, warum soll ich noch leben? Jetzt bedroht nicht mehr die Gewalt das Leben, sondern die eigenen Ängste, Suizid Gedanken werden ein ständiger Begleiter. Leider habe ich keine Statistik gefunden die den Zusammenhang zwischen Suizid und häuslicher Gewalt auflistet, doch ich denke die Dunkelziffer ist sehr hoch. Man könnte sie sicher vermindern, wenn schneller fachliche Hilfen greifen würden. Wenn es ausreichend Therapieplätze gebe.

Ich spreche hier nur von über 10 Millionen Frauen die Hilfe bräuchte. Nähme ich all die Mobbingopfer, Stalking Opfer, Misshandelte und vernachlässigte Kinder hinzu würde sich die Zahl mindestens verdoppeln. Leider sieht es nicht so aus, als würde sich an diesen Missständen in Zukunft etwas ändern. Steigender Leistungsdruck, immer weniger Lebensqualität werden dazu führen, das mehr Menschen Hilfe benötigen. Leere Kassen, verhindern das sich Therapeuten noch als Kassenärzte niederlassen. Damit wird die Anzahl kranker Menschen ohne Hilfe in den kommenden Jahren steigen, und die Suizidrate sich ganz sicher erhöhen. Aber auch Amokläufe, Eskalationen in Familien werden steigen, wenn das Ruder nicht rum gerissen wird. Ich weiß angesichts leerer Sozialkassen ein schöner Traum.

Gabriele Remscheid


Autor / Kontakt:
Frau Gabriele Remscheid
Niederkrüchten
Fon: 02436/382377
URL: http://www.gabriele-remscheid.net

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